Allerheiligen in Polen

„Die Polen gehen auf den Friedhof. Wenn man das nicht weiß, kann man sie nicht verstehen“, sagt meine Lehrerin Ewa.

Der Friedhof als Ort der Verbundenheit mit den Generationen der Vergangenheit hat für die Polen in der Tat besondere Bedeutung. Über Jahrhunderte historischer Unbill hinweg half diese Verbundenheit mit den Vorfahren bei der Bewältigung von nationaler Unfreiheit, Mühsal und Bedrängnis. Ich kenne kein anderes europäisches Volk, in dem das Wissen um den Heroismus der Vorfahren so stark im kollektiven Gedächtnis verankert ist und auch im heutigen politischen Diskurs noch eine so große Rolle spielt. Kein anderes europäisches Volk begeht den Allerheiligentag so intensiv wie die Polen.

Am Nachmittag des 1. November mache ich mich auf zum Warschauer Powązki-Friedhof, dem größten und bekanntesten Friedhof der Stadt. Eine Fläche von 43 Hektar ist mit 2,5 Millionen, größtenteils katholischen Gräbern belegt. In eineinhalb Kilometer Entfernung befindet sich ein zweiter Friedhof, der Powązki-Militärfriedhof.

Bereits am frühen Nachmittag herrscht reger Betrieb. Die Kreuzungen auf den Zufahrtsstraßen werden von der Polizei geregelt, eine ganze Flotte von Sonderbussen verkehrt zwischen den Warschauer Friedhöfen und auf den Gehsteigen um den Friedhof herrscht Gedränge. Es werden Chrysanthemen, Grablichter und Obwarzanki, polnische Bagels angeboten. Polen ist übrigens der weltweit größte Produzent von Grablichtern.

Am Haupteingang warten vier Spendensammler auf die Ankömmlinge. Seit 48 Jahren sammeln polnische Schauspieler, Musiker, Schriftsteller und Journalisten Spenden für die Restaurierung verfallener, künstlerisch wertvoller Gräber, eine Aktion, die 1974 vom Musikkritiker Jerzy Waldorff in die Wege geleitet wurde.

Auch ein junger Priester nimmt an einem Tischchen beflissentlich Spenden sowie Fürbitten entgegen, die er bei der Messe namentlich erwähnen wird.

Menschenströme bevölkern die Hauptalleen der Nekropolis; ich habe den Eindruck, ganz Warschau ist heute hier unterwegs. Die meisten Gräber sind reich mit Blumen, Grablichtern und Kerzen geschmückt. Man gedenkt nicht nur der eigenen Angehörigen, auch anonyme, vor allem aber Gräber prominenter Verstorbener werden besucht.

Die Liste bekannter Persönlichkeiten, die am Powązki-Friedhof begraben sind, ist lang. Ich komme zufällig am Grab des Dichters Zbigniew Herbert vorbei, doch das Grab von Irena Sendlerowa, der polnischen Krankenschwester, die während der deutschen Okkupation im Zweiten Weltkrieg zweieinhalbtausend jüdische Kinder aus dem Warschauer Ghetto rettete, kann ich nicht finden. Meine Lehrerin hat mir einen Plan gegeben, auf dem ich mich mühsam zurechtfinde. Nach einiger Zeit beschließe ich, zum Militärfriedhof zu gehen. Es ist neblig und wird bald dunkel werden.

 

Der Militärfriedhof zeugt von Polens bewegter, tragischer Vergangenheit. Ein großer Teil der Gräber ist mit Opfern des Warschauer Aufstands und des Zweiten Weltkriegs belegt. In weiteren Friedhofssektoren befinden sich Gräber von Opfern des Ersten Weltkriegs und des Polnisch-Sowjetischen Kriegs von 1919 bis 1921. Ein großes Kreuz gedenkt der Massenerschießungen polnischer Offiziere durch sowjetische Volkskommissare 1940 im Wald von Katyń.

Birkenkreuze von Pfadfindern, die im Warschauer Aufstand ums Leben kamen.

Als 2010 Polens Präsident Lech Kaczyński, zusammen mit 95 hochrangigen Vertretern des Staates, zur Gedenkstätte in Katyń unterwegs war, kamen er und alle übrigen Flugzeuginsassen bei einem tragischen Unglück in Smoleńsk ums Leben. Ein Denkmal im Militärfriedhof erinnert an die Katastrophe. Viele sind hier versammelt, Smoleńsk ist ein stark politisiertes Nationaltrauma. Ein Teil der Bevölkerung glaubt an ein russisches Attentat, der andere hält den Flugzeugabsturz für ein tragisches Unglück.

Ich gehe zum Ausgang zurück. In der Dunkelheit, die mittlerweile hereingebrochen ist, wird der Friedhof von Tausenden Grablichtern geheimnisvoll beleuchtet. Noch immer strömen die Menschen in Scharen durch die Alleen, Kinder laufen aufgeregt herum. An den Gräbern nehmen die Väter die Kleinen bei der Hand und erzählen ihnen, wer der Verstorbene war. Das polnische Allerheiligen ist ein Tag der Familien, Anlass für Familientreffen.

Gedenkstätte für die polnischen Pfadfinder, die im Zweiten Weltkrieg ihr Leben verloren.

Vor dem Ausgang komme ich an einer letzten Gedenkstätte vorbei. Sie ist den Millionen gewidmet, die in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern ermordet wurden.

Ein junger Pfadfinder verkauft Grablichter.

Bis zum späten Abend werden die polnischen Friedhöfe von unzähligen Besuchern bevölkert. Wie wichtig das Andenken an die Verstorbenen für die Polen ist, weiß man auch in der Ukraine. Nach zwei Monaten Krieg und exemplarischer polnischer Unterstützung für das angegriffene Land und seine Bewohner begann man in der Ukraine, polnische Friedhöfe aufzuräumen und zu erneuern. Einen größeren Gefallen hätte man den Polen nicht tun können.

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