Die Schatten des Grenzlands

Foto Roman Rogner, Bildstock bei Hejnice

Ich stamme nicht aus einer sudetendeutschen Familie. Vor meinem Prager Leben wusste ich nicht sehr viel über die Vertreibung der Sudetendeutschen aus dem Grenzland der ehemaligen Tschechoslowakei, denn auch in meiner österreichischen Heimat war das Thema tabu gewesen. Wer es aufgriff, geriet sofort in den Verdacht des Revanchismus oder der Relativierung nationalsozialistischer Verbrechen.

Auch in Prag war es nicht anders. Man schwieg, und der Vorstoß von Václav Havel bei einem seiner ersten Deutschlandbesuche im Jahr 1990 war nach harscher Kritik rasch verpufft. Havel hatte sein Bedauern über die Vertreibung von mehr als drei Millionen Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg zum Ausdruck gebracht und sogar angeregt, den Vertriebenen die doppelte Staatsbürgerschaft anzubieten. Das haben ihm viele Tschechen lange nicht verziehen.

In meinem ersten Jahr als Deutschlektorin in Prag klopfte eines Abends ein Student an meine Tür. Sein Anliegen war unklar, seine Stimme klang verschwörerisch. Es stellte sich heraus, dass er mit mir über die Vertreibung der Sudetendeutschen reden wollte. Er habe, so sagte er, zum Thema recherchiert und wolle nun meine Meinung hören. Im Unterricht könne man darüber wohl nicht offen reden. Ich war verblüfft, ja bestürzt über so viel Angst und Heimlichkeit und versicherte ihm, das Thema jetzt erst recht im Unterricht aufgreifen zu wollen. Er reagierte beinahe verstimmt. Würde ich mit meiner Aufklärungsinitiative nicht den magischen Deckmantel der Verschwörung zerreißen, der uns verband?

Die Stunde wurde ein Fiasko. Unter meinen Studenten herrschte betretenes Schweigen. Es war nicht nur ihre ständige Angst, Fehler im Deutschen zu machen und dafür von mir mit einer schlechten Note bestraft zu werden, es war mehr: die Angst, etwas Falsches zu sagen. Etwas politisch Falsches. Meine Themenwahl war äußerst verdächtig. Was wollen Sie von uns, schienen ihre Augen zu fragen, warum konfrontieren Sie uns mit dieser misslichen Sache? Ist sie nicht längst erledigt, ein Ding der Vergangenheit? Wollen Sie uns aufs Glatteis führen?

Als beim nächsten Mal ein praktisches, unideologisches Thema behandelt wurde, atmeten sie auf. Doch mir ging die Vertreibung nicht mehr aus dem Kopf. Ich fragte meine Tschechischlehrerin, eine Dame mittleren Alters, wie sie dazu stand. Auch sie war perplex und wusste nicht, was sie sagen sollte. Als sie sich wieder gefasst hatte, meinte sie schulterzuckend: „Es ging nicht anders. Sie mussten weg.“ Und überhaupt, Hitler habe einen schrecklichen Krieg entfesselt und viel Unheil angerichtet.

Das stimmt. Hitler brachte über Europa und die Welt ein unsägliches, ungeheuerliches, mit nichts zu vergleichendes Unheil. Im Protektorat Böhmen und Mähren, das nach der Annexion des Sudetenlands an das Dritte Reich und dem Einmarsch der Wehrmacht in Prag errichtet wurde, wütete der nationalsozialistische Terror. Ebenso stimmt, dass viele Sudetendeutsche den Anschluss begrüßt hatten.

Als der Krieg zu Ende war, schlug die Stunde der Vergeltung. Die Grundlage für die Vertreibung der Deutschen waren die zwischen 1940 und 1945 erlassenen Beneš-Dekrete, benannt nach dem tschechoslowakischen Exil-Präsidenten Edward Beneš. Sie wurden 1946 von der Provisorischen Nationalversammlung rückwirkend bestätigt und sind bis heute in Kraft. Dem in Potsdam beschlossenen „humanen und geordneten Transfer“ von Millionen Menschen aus den ehemaligen Ostgebieten gingen pogromartige Übergriffe voraus, bei denen Hunderte, vielleicht sogar Tausende Menschen ermordet wurden, ohne dass ihnen eine Mitschuld an den Verbrechen der Nazis nachgewiesen werden konnte. Beim „Brünner Todesmarsch“ starben über zwei Tausend Menschen an Erschöpfung und Krankheit, wurden erschlagen oder erschossen.

Man mag entgegenhalten, dass die Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten unvergleichlich mehr Menschen auf dem Gewissen hatte. Auch das ist richtig. Aber als Rechtfertigung für das, was nach dem Krieg geschah, kann es nicht herangezogen werden. Der Hass auf die Besatzer war verständlich, Vergeltung nach dem Prinzip der Kollektivschuld, das auch den Verbrechen der Nazis zugrunde gelegen war, nicht. Von der kommunistischen Geschichtsschreibung wurden Vergeltung und Vertreibung tabuisiert.

Wie schwierig allein die Begrifflichkeit ist, zeigte mir eine Debatte am Prager Institut für Translatologie über den „richtigen“ Begriff, im Tschechischen wie im Deutschen. In den Neunzigerjahren war das Wort „Vertreibung“ im Tschechischen („vyhnání“) weithin tabu, man sprach in der Regel von „Abschiebung“ („odsun“). Eine weitere mögliche Variante, die bis heute im Titel des tschechischen Wikipedia-Eintrags steht, ist „Aussiedlung“ („vysídlení“). Im Gegensatz dazu war in den deutschen Vertriebenenverbänden und Landsmannschaften stets von „Vertreibung“ die Rede, was den Unmut der Tschechen erregte. „Vertreiben“ bedeutet, unter Anwendung von Gewalt zum Verlassen der Heimat zwingen; „abschieben“ und „aussiedeln“ klingen weniger roh und erinnern an eine geordnete Aktion, vielleicht sogar einen „humanen Transfer“. Der tschechische Dozent des Instituts für Translatologie sprach sich damals für die Verwendung des Begriffs „Abschiebung“ („odsun“) aus. Doch wer die historischen Ereignisse kennt, gelangt wohl zum Schluss, dass „Vertreibung“ der geeignetere Begriff ist. Heute, mehr als zwanzig Jahre später, wird auch im tschechischen Kontext bereits von „Vertreibung“ gesprochen.

Diese Begriffsverschiebung reflektiert eine Verschiebung im gesellschaftlichen Diskurs und Bewusstsein. Es hat sich einiges getan. 1997 wurde der deutsch-tschechische Zukunftsfonds gegründet, die Ackermann-Gemeinde und andere Vereine setzen sich für die Verständigung ein, Jugendvereine organisieren Austauschveranstaltungen, tschechische Historiker und Soziologen engagieren sich im Rahmen des Vereins „Antikomplex“ für eine kritische Aufarbeitung der eigenen Geschichte. Es ist möglich geworden, über das Thema Vertreibung zu sprechen. Die Angst vor Restitutionsforderungen vertriebener Sudetendeutscher, die bei tschechischen Wahlen von politischen Parteien immer wieder instrumentalisiert wurde, erwies sich als wenig begründet. Nach so vielen Jahren hätten Rückforderungsansprüche kaum Aussicht auf Erfolg, nicht zuletzt auch deshalb, weil sie neues Unrecht erzeugen würden.

Dass die Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit alles andere als selbstverständlich ist, zeigen die nach wie vor heftigen Reaktionen auf Berichte und Dokumentarfilme. Sie reichen von fassungsloser Betroffenheit bis zu wütenden Gegenangriffen. Manche Reaktionen klingen, als ob ein Volk, das selbst Opfer des Nationalsozialismus war, keine Schuld auf sich geladen haben könne. Falls doch hie und da jemand über die Stränge geschlagen haben sollte, so sei dies verständlich. Die Deutschen hätten schließlich auch nicht lang gefackelt.

Genau das sagt eine der Hauptfiguren im neuen Film des tschechischen Regisseurs Bohdan Sláma, der den Lehrstuhl für Regie an der Prager Filmakademie innehat. „Krajina ve stínu“ („Landschaft im Schatten“) handelt vom Schicksal des Dorfes Tušť (Schwarzbach) an der tschechisch-österreichischen Grenze. Jahrhundetelang hatte es zu Österreich gehört, 1920 kam es zur neu gegründeten Tschechoslowakei. Nach dem 1938 unterzeichneten Münchner Abkommen über die Abtretung des Sudetenlands wurde das Gebiet westlich von Weitra (Západní Vitorazsko), einschließlich Schwarzbach, erneut dem bereits an Nazideutschland angeschlossenen Österreich zugewiesen. Die Bevölkerung war gespalten: In der Zwischenkriegszeit litt das Grenzgebiet unter drückender Armut und Arbeitslosigkeit, und so mancher Schwarzbacher war aus pragmatischen – nicht aus weltanschaulichen – Beweggründen gewillt, sich zur deutschen Volksgemeinschaft zu bekennen. Zu Kriegsende fielen in Schwarzbach die tschechoslowakischen Revolutionsgarden ein, um das Dorf von „Verrätern“ zu säubern. Sie verübten eine Reihe von Verbrechen, die in der Nacht auf den 25. Mai 1945 in der Ermordung von 14 Einwohnern gipfelten.

Unter den Ermordeten war auch der Vater von Ferdinand Korbel.

Foto Libor Fojtík, Aktuálně.cz

Ferdinand Korbel wurde in Schwarzbach als Sohn einer tschechischen Mutter und eines deutschen Vaters geboren. Als im Mai 1945 die Revolutionsgarden kamen, wurde Korbels Vater als Deutscher vor ein Volksgericht gestellt und zusammen mit 13 weiteren Dorfbewohnern erschossen. Ein Nachweis der Parteizugehörigkeit oder der Kollaboration mit dem NS-Regime war dafür nicht erforderlich, seine ethnische Zugehörigkeit als Deutscher gab den Ausschlag. Federführend bei dieser Racheaktion war der ehemalige Dorflehrer Václav Maxa, ein glühender Kommunist, der während des Kriegs verhaftet und nach Theresienstadt verschleppt worden war. Seine jüdische Frau und die Schwiegereltern waren in einem Konzentrationslager ermordet worden. Nach dem Krieg kehrte er in sein Heimatdorf zurück und wurde Sicherheitsreferent. Nach Aussage von Herrn Korbel ließ Maxa auch die deutsche Dorfwirtin erschießen, die seine eigene Tochter im Krieg mit Essensrationen durchgebracht hatte.

Wenige Stunden vor der Erschießung des Vaters wurde Korbels Mutter, die sich während der Besatzung zur tschechischen Nationalität bekannt hatte, zusammen mit ihren drei Kindern und den deutschen Dorfbewohnern vertrieben. An der Grenze hieß es, die österreichischen Dörfer seien mit Flüchtlingen hoffnungslos überfüllt und könnten niemanden mehr aufnehmen. So harrten sie bis zum Wintereinbruch im grenznahen Wald aus und suchten dann Obdach in Scheunen und Gaststätten. Im März 1946 hieß es, sie dürften nach Schwarzbach zurückkehren. Die leerstehenden Häuser der Vertriebenen waren mittlerweile von den Mitgliedern des Volksgerichts in Beschlag genommen worden, so auch das Gehöft der Familie Korbel. Erst als der nationale Verwalter, der dort eingezogen war, eine bessere Liegenschaft fand, durften sie in ihr Haus zurückkehren. Das Verhältnis zu den Nachbarn, die sich an der Erschießung des Vaters beteiligt hatten, war gespannt. Meine Mutter ging ihnen aus dem Weg, erzählt Korbel. Als sich Václav Maxa einmal darüber beschwerte, dass sie ihn nicht grüßte, bemerkte ein Gemeinderat: „Wundern Sie sich, nach dem, was Sie ihr angetan haben?“

Im Lebenslauf des jungen Ferdinand Korbel stand der Kadervermerk: „Der Vater, ein Nazi, wurde 1945 hingerichtet.“ Korbel erlernte den Beruf des Drehers. Später besuchte er eine technische Fachschule und wurde Konstrukteur. Nach der Wende im Jahr 1989 versuchte er, den Mörder seines Vaters vor Gericht zu bringen. Doch Václav Maxa, der die Erschießung angeordnet hatte, hatte sich 1968 erhängt, und der Mann, der auf den Abzug gedrückt hatte, konnte nicht mehr angeklagt werden, da die Tat von einem Gericht für verjährt erklärt wurde.

Das Schicksal der Familie Korbel diente als Vorlage für den Film „Landschaft im Schatten“.

Trailer

Wie auf einer Bühne spielen sich auf dem der Gemeinde Schwarzbach nachempfundenen Dorfplatz die Schlüsselereignisse der Dreißiger- Vierziger- und Fünfzigerjahre des 20. Jahrhunderts ab, die die Bewohner in verhängnisvolle Entscheidungen zwangen: für – und damit auch gegen – eine ethnische Zugehörigkeit, für oder gegen Kollaboration mit totalitären Regimen, Mitläufertum oder Widerstand, gewaltsame Rache, opportunistisches Nutznießertum, verzweifelte Rettungsversuche, Teilnahmslosigkeit oder Kapitulation. Aus Menschen wurden Verbündete oder Feinde, aus Nachbarn Mörder.

Den historischen Charakter des Films unterstreicht das monochrome Schwarz-Weiß. Auch wenn die “Landschaft im Schatten” nicht der erste Film zum Thema Vertreibung ist, so ist es dem Regisseur, der sich auch am Drehbuch beteiligte, hoch anzurechnen, dass er dieses, für das kollektive tschechische Bewusstsein so heikle Kapitel aus dem Schatten der Geschichte geholt und komplex bearbeitet hat.

Eine kritische Anmerkung am Schluss sei mir erlaubt. Sollte der Film einem österreichischen oder deutschen Publikum zugänglich gemacht werden, so würde ich empfehlen, den österreichischen Dialekt postsynchron anzupassen. Bei jenen Figuren, die deutsche Muttersprachler sein sollten, sind die sicherlich ehrbaren Versuche der tschechischen Schauspieler, in lokaler Mundart zu sprechen, kaum verständlich und wirken eher wie eine Parodie. Der Qualität und Aussagekraft des Films tut dies allerdings keinen Abbruch.

Artikel über Ferdinand Korbel (tschechisch)

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