
„Einfach so nach Świnoujście gefahren?“, fragt meine ehemalige Polnischlehrerin, als ich ihr Fotos aus der polnischen Hafenstadt schicke.
Nein, nicht einfach so. Ich hatte einen Bericht über die Katastrophe der polnischen Fähre MS Jan Heweliusz gelesen und anschließend eine Netflix-Serie gesehen. Sie machte mich neugierig auf den Ort der Tragödie – Świnoujście, das frühere Swinemünde, an der deutsch-polnischen Grenze.
Am Abend des 14. Jänner 1993 lief die Jan Heweliusz von Świnoujście nach Ystad in Schweden aus. In der Nacht geriet sie in einen schweren Sturm und kenterte. 55 der 65 Menschen an Bord kamen ums Leben.
Wie konnte das geschehen? War es das Wetter? Oder menschliches Versagen?
Die Serie liefert mögliche Antworten. Ob sich alles genau so zugetragen hat, ist dabei zweitrangig – sie ist kein Dokumentarfilm. Entscheidend ist, dass sie die Ereignisse zu einer Parabel auf das Polen der frühen 1990er-Jahre verdichtet: wirtschaftlicher Druck, fehlende Regeln im Übergangskapitalismus, marode Technik, prekäre Arbeitsverhältnisse, menschliche Schicksale, behördliches Wegsehen, moralische Grauzonen.
Das Unglück war keine einzelne Fehlentscheidung, sondern Systemversagen. Was kosten uns wirtschaftliche Entscheidungen wirklich – und wer bezahlt sie? Darum geht es im Kern.
Ein simples Schuldurteil vermeidet die Serie. Sie zeigt Verantwortung, ohne sie bequem zu personifizieren. Sie macht verständlich, warum niemand verurteilt wurde – und warum genau das bis heute schmerzt. Das Meer erscheint hier nicht als Gegner, den es zu besiegen gilt, sondern als Ort, an dem menschliche Fehler unabwendbare Folgen haben.
Vielleicht war es ein frostiger, blaukalter Wintertag wie dieser, als die Jan Heweliusz auslief. Ein Tag mit dunklen, gedämpften Farben, an dem Wind, Metall und Wasser den Ton angaben.
Nach meiner Ankunft in Świnoujście suche ich die Gedenktafel auf dem Fischerplatz. Sie ist nicht leicht zu finden. „Jenen, die nicht mehr vom Meer zurückkehrten“, steht darauf.

Danach gehe ich durch den Park nach Norden, Richtung Strand. Die Wege sind schneeglatt, die Luft schneidend kalt. Nur wenige Menschen sind unterwegs. Manchmal höre ich im Vorübergehen Deutsch – Rentner aus dem benachbarten Deutschland, die ein paar Tage Winterurlaub hier verbringen.
Riesige Apartmentblöcke und Kurhotels säumen die Straße zum Strand. Sie wirken verlassen. Das Meer liegt ruhig da, der nasse Strand ist gefroren und von Schneefeldern überzogen. Ein Mann in Gummistiefeln stapft durch den Schnee und bricht ins seichte Wasser ein. Ich möchte zum Windrad am Ende des Walls, doch die Steine der Böschung sind spiegelglatt. Nach wenigen Schritten rutsche ich aus und kehre um.

Auf dem Rückweg begleitet mich das Donnern der Lastenkräne. Wie riesige Dinosaurier stehen sie aufgereiht an der Swinemündung. Wo die Flussmündung endet und das Meer beginnt, ist nicht zu erkennen – sie gehen ineinander über.

Als ich das Hafenamt erreiche, ist die Stadtfähre, mit der ich zum Bahnhof übersetzen wollte, bereits abgefahren. In einer Bar an der Ecke warte ich auf die nächste. Eine freundliche Polin schenkt mir Tee ein.
Die Reste meines Hotelfrühstücks verfüttere ich später an die Tauben auf der Fähre. Es wird früh dunkel in diesen Tagen. Auf dem Wasser treiben Eisschollen.
Ein Stück weiter nördlich liegt das Fährterminal, von dem vor 33 Jahren die Jan Heweliusz auslief. Die Strecke wird nicht mehr vom damaligen Betreiber, den Polnischen Ozeanlinien, bedient, sondern von der Unity Line. Eine weiß-blau gestrichene Fähre, ein gewaltiger Koloss, legt gerade nach Ystad ab. Heute Nacht bleibt das Meer ruhig.

Díky, dobrý článek!
Díky!